01.04.1998

Tanith

Mit Tanith In Der Unterwelt!

Tanith ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Techno-Szene. Haben wir Techno gesagt? Tja, so einfach kann man es sich mit dem Berliner DJ, Produzenten und Labelchef wirklich nicht machen, der Techno eher als Bezeichnung für den ganzen Komplex elektronischer Musik begreift. Überhaupt wäre es fahrlässig, Herrn Andrezak einzig und allein auf seine Musik zu reduzieren. Während er in unserer unmittelbaren Nähe zum Produzieren weilte, haben wir uns mit Tanith getroffen und sind mit ihm in die tiefen Stollen des Bochumer Bergbaumuseums abgetaucht. Auf der Suche nach dem wahren Tanith und dem Geist seiner Musik...

Frühstück, Bosse, Punk

Das Frühstück im Bochumer Café Spitz als "Henkersmahlzeit" zu bezeichnen, wäre übertrieben. Aber das ändert nichts daran, daß wir mit unserem Vorhaben, in die Tiefen der Erde und die Geschichte der harten körperlichen Arbeit des Bergbaus einzudringen, einen für Tanith nicht ganz neutralen Bereich berühren. Von körperlicher Arbeit hält er nämlich nicht viel. Als er sich im Bergbaumuseum umsieht, sagt er: "Ich finde es ziemlich scheiße, daß Leute unter solchen Bedingungen überhaupt arbeiten müssen. Ein Knochenjob in 1500 Metern Tiefe. Einfach menschenunwürdig." Er hat immerhin zwei Monate seines Lebens einer Lehre als Druckvorlagenhersteller gewidmet, um zu der Erkenntnis zu gelangen, daß "arbeiten nichts für mich ist.".

Tanith ist Löwe und kann es eigentlich nicht ertragen, wenn jemand sich aufbaut, "der einfach ein Seppel" ist und erzählt, er sei der Chef und "du mußt das so machen, weil das so ist". Der "Rebell" Tanith hat ganz spezielle Probleme mit Obrigkeiten, was ihn in seiner Jugend in Wiesbaden in die Hände der Punks getrieben hat. "Daher kommt auch mein Name. Jeder hat damals einen Scheißnamen bekommen. Ich wollte nicht Ratte, Pinkel oder Bratwurst heißen, also habe ich solange blind mit dem Finger in Bücher getippt, bis ich auf Tanith Thanatos kam. Das ist ein cooler Name. Außerdem ist Tanith der Schutzgott von Ibiza." Das hat er aber erst erfahren, als er dort zum ersten Mal aufgelegt hat und die Leute fast einen roten Teppich ausgerollt hätten.

Politik und Techno

Um die Köpfe seines Publikums ein wenig aufzumachen, nimmt Tanith, der "politisch eher links" steht, auch gerne unbequemen Standpunkte ein. Seine Warnung im Superwahljahr: "Leute, paßt auf Eure Grundrechte auf. Es kann ja wohl nicht angehen, daß Politiker, die die PDS als SED-Nachfolgepartei wegen der damaligen Praktiken dissen, nun mit einem Lauschangriff daherkommen, der eine komplette Abhöre der anscheinend verhassten Bevölkerung vorsieht. Ich will mich nicht als Propagandist hinstellen, der sagt: 'Wählt dies und das'. Ich kann aber sagen, daß Politik in Deutschland sich in den Parteien nicht mehr unterscheidet, und daß 'die da oben' nichts mehr geregelt bekommen, siehe Steuerreform, Rentenreform oder ganz explizit die Arbeitslosigkeit. Anstatt als Volksvertreter Lasten von den Bürgern zu nehmen, kommen nur Verbote und Einschränkungen der Freiheiten.Wo sind da die Konzepte? Verbieten und unnötiges Reglementieren scheint den Jungs eher zu liegen, wie der 'Großen Lauschangriff' und die geplante totale Überwachung des Internets beweisen. Hier wird eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herangezüchtet, die einige Berufe heraushebt und den Rest der Bevölkerung ziemlich rechtlos zurückläßt. Was soll das, wenn Politiker, die eigentlich gläsern sein sollten - schließlich vertreten sie uns ja - vor dem Abhören geschützt sein sollen und der Rest der Bevölkerung ihrer Willkür ausgeliefert ist? Ich frage mich, vor wem die so eine Angst haben. Hoffentlich bekommen diese Grundgesetzverletzer, egal welcher Couleur, dieses Jahr einen fetten Denkzettel. Ich bin Steuerzahler und das auch gerne, weil ich will, daß in diesem Staate alles zum Besten steht. Aber wenn meine Steuern in Abhöranlagen oder Eurofighter gesteckt werden, dann kriege ich das Kotzen! "

Obwohl er sich deutlich äußert, billigt er Techno mit offensichtlicher politischer Aussage keine allzu große Wirkung zu. Zu Coldcuts' "Timber" meint Tanith, daß "das immer schiefgeht. Das Video fand ich ein bißchen Retro. So wie das in den 80ern war. Damals wäre das eine politische Aussage gewesen, die noch erkennbar gewesen wäre. Doch heute, da man von sämtlichen Medien mit Infos zugeballert wird, ist eine Meinung nur noch eine von vielen. Ich könnte zum Beispiel nicht wie Atari Teenage Riot hergehen und sagen 'Schlagt mal eben XY tot'. Diese Aussage finde ich zu platt."

Taniths Weg, seine Meinung zu sagen, ist viel subtiler. Er schaut, "was der Zeitgeist so bietet, welche Musik zu welcher Zeit paßt." Im Moment sei die Zeit sowohl politisch als auch gesellschaftlich eben "ziemlich heavy". Da findet Tanith "Musik, die zum Denken animiert" nicht schlecht. "Meine Musik ist immer eine Reflexion der Zeit. Ich versuche meine Aussagen mit meinem typischen Sound zu vermitteln, da Musik eine globale Sprache ist, die fast jeder versteht. Ich kann zum Beispiel nicht einsehen, daß sich in einem Land, in dem bald jeder zweite arbeitslos ist, immer noch kein breiter Widerstand regt."

Musik und Massengeschmack

Daß Taniths Sicht der Dinge notwendigerweise einer großen Aufgeschlossenheit bedarf, versteht sich von selbst. Obwohl er den Leuten viel zu sagen hätte, hält er nichts davon, sich zu diesem Zweck am Massengeschmack zu orientieren, nur um mehr Fans zu erreichen. "Ich würde einen Charterfolg lediglich unter dem Aspekt sehen, daß ich es halt gepackt habe, der Masse meinen Geschmack begreiflich zu machen. Darin sehe ich den Erfolg. Doch ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, daß Blümchen-Anhänger plötzlich Tanith toll finden. Man muß aber damit rechnen, daß Hänsel und Gretel dich plötzlich toll finden, aber überhaupt nichts kapiert haben. Damit muß man dann klarkommen.

Massenkompatible Musik muß ja auch nicht unbedingt schlecht sein. Als dieses Run DMC-Ding rauskam, fand ich es echt cool. Das Problem ist nur, daß ich es mittlerweile scheiße finde, weil man so damit zugeballert wird. Und vielen Sachen hört man an, daß sie nur für 'die dumme Masse' produziert wurden. So möchte ich jedenfalls nicht arbeiten."

So beurteilt er die Marktchancen seiner Musik auch ganz realistisch. BigBeat und TripHop ist für ihn nicht unbedingt ein Ding, das nur in England funktionieren kann. "Der Einfluß dieser Musik in Deutschland verstärkt sich immer mehr. Ich nehme Berlin immer als eine Art Lackmus-Test. Während sich 1997 in dieser Richtung wenig getan hat, scheint diese Musik jetzt zu funktionieren. Zweimal im Monat lege ich im 'Icon' auf. Ein Club, in dem sich das Publikum aus verschiedenen Musikszenen zusammensetzt. Es ist halt kein klassisches Techno-Publikum. Dort treffe ich viele Leute der ersten Stunde wieder. Wenn man diese Leute aktivieren könnte, sich wieder um die Musik zu kümmern, dann hätten BigBeats und TripHop sehr gute Chancen. Natürlich ist es im Moment nicht chartkompatibel, aber das kommt sicherlich. Ich mache bereits zum dritten mal so eine Phase durch und es dauert immer ein bißchen, bis die Leute das kapiert haben und dann nach einem Jahr sagen 'Du hast recht gehabt'. Das war damals mit diesen Progressiv-Sachen genauso; irgendwann hat es jeder gespielt.

Zudem finde ich die sogenannten BigBeats nicht wirklich neu. Ich höre schon seit den 80ern 'Renegade Soundwave', 'Meat Beat Manifesto' oder 'Pop Will Eat Itself' und habe das auch schon immer in meine Sets einfliessen lassen. Dieser Style ist immer ungehypt mitgelaufen und so was wie ein teuer Begleiter geworden. Im Moment scheinen BigBeats die Musik der Stunde zu sein, wenn man sich die Releases und das Presscovering ansieht. Schade nur, daß die Schreiberlinge in deutschen Magazinen nicht mit dieser Musik umgehen können und den falschen Bewertungsmaßstab anlegen. Da muß man dann - wie früher bei Techno - vielleicht selber ran und was eigenes machen. Wer mitmachen will, hier meine E-Mail Adresse: tanith@berlin.snafu.de."

Tanith Superstar?

Im gewissen Sinne kann man Tanith als Vorreiter bezeichnen, der seinen eigenen Weg gegangen ist. Das hat ihm im Laufe der Zeit eine große Fangemeinde beschert. Ein Umstand, der ihm durchaus zu denken gibt. "Wenn jemand zu mir kommt und sagt ' Du bist der Beste, Du bist der Tollste', dann weiß ich, da stimmt etwas nicht. Der hat sicherlich ein falsches Bild im Kopf, und ich kann solche Leute nicht ernstnehmen. Genauso verhält es sich mit Groupies, die es auch schon mal gibt, aber eigentlich ist das kein Problem. Auch einem potenziellen Groupie sollte man zeigen, daß sie (oder er) ein Mensch ist und sich für niemanden entwürdigen oder erniedrigen muß. Wenn aber jemand mit einem coolen Ansatz zu mir kommt, dann kann es sein, daß ich mich stundenlang unterhalten kann."

Tanith ist jemand, der auch "einmal am Tag scheißen muß" und genauso "Sauerstoff zum atmen braucht, wie jeder andere". Er findet es menschenverachtend, sich über andere zu stellen und zu behaupten, er wäre etwas besseres.

Beim Geschäftsgebahren einiger amerikanischer DJ-Kollegen, die sich teilweise Stretchlimos und andere luxuriöse Dinge in die Verträge schreiben lassen, geht ihm daher der Hut hoch. "Ich würde diese DJs erst einmal drei bis vier Jahre lang nicht mehr in Deutschland spielen lassen. 10.000 $ Dollar Gage zu verlangen finde ich scheiße; das ist kein DJ der Welt wert. Aber man muß bedenken, daß man nicht ewig DJ sein kann. Außerdem investiert man ständig in Platten und Equipent, und dann greift natürlich auch die Steuer zu. Man kann den Job vielleicht zehn bis 15 Jahre lang machen, das ist ein bißchen wie bei den Profifußballern."

"Timing Recordings" - Das zweite Standbein?

Auch wenn man die Gründung des eigenen Labels "Timing Recordings" auch als langfristige Altersversorgung interpretieren könnte, steht dieser Aspekt für Tanith selbst nicht im Vordergrund. Ein Label ist für ihn ein Sprachrohr und er sieht nicht, daß er "in den nächsten zwei bis drei Jahren die große Kohle macht". An sein Label hat er ganz andere Ansprüche als den finanziellen Aspekt. "Mir hat einfach ein Outlet gefehlt. Eine Basis, auf der ich veröffentlichen konnte, was mir gefällt. Die meisten Label sind eben immer noch zu sehr Techno-orientiert und verstehen meine Musik nicht richtig. Also habe ich zusammen mit Armin Mostoffi, Hawks Grunert, Daniel Siemer und Holger Gutwald "Timing" gegründet. Jetzt haben wir die Möglichkeit, geistesverwandte Musiker ins Programm aufzunehmen, ohne daß uns da irgendjemand hereinredet. Außerdem wollen wir uns stilistisch nicht so festlegen, wie das andere Label tun. Da können dann auch schon einmal Sachen veröffentlicht werden, die ich so nicht auflegen würde, die aber einen neuen Ansatz für Musik bieten."

Bei dieser anvisierten musikalischen Bandbreite sieht er "Timing" aber trotzdem nicht als klassisches "Independent-Label". Schon jetzt interessieren sich Majors für seine Produktionen. Es ist kein Problem, sich mit "den Großen" einzulassen. "Heute ist es doch ganz anders als in den 80ern. Da gab es noch den Kampf zwischen Major und Independent. Mittlerweile gibt es aber gerade für CDs einen Markt, den ein kleines, 'unabhängiges' Label gar nicht mehr bedienen kann, weil man an möglichst vielen Stellen verkaufen will. Außerdem gibt es das Feindbild vom 'bösen Major' in dieser Form auch nicht mehr. Mittlerweile sitzen da eine Menge Leute, die mit unserer Szene und Musik großgeworden sind und diese auch - unter Berücksichtigung der Sachzwänge - verstehen und beurteilen können. "

BigBeats, der Rock'n'Roll des nächsten Jahrtausends

Als Techno in den Kinderschuhen steckte, war die Abkehr von den festgefahrenen Strukturen der Rock-Musik einer der Hauptaspekte der Bewegung. Daß Tanith, einer der Männer der ersten Stunde, sich jetzt von handgemachter Musik inspirieren läßt, ist für ihn aber kein Rückschritt. "In der Zeit, in der man mit Rock nichts zu tun haben wollte, ist Techno sehr weit nach vorne geprescht. Jede Woche ist eine neue Soundgeneration entstanden, aber das sehe ich zur Zeit eben nicht mehr. Techno ist ein 'Auch-Objekt', aber nicht das Hauptding. Wenn man heute in den Rockbereich schaut, sieht man, daß sich die Leute geöffnet haben. Ich kenne viele Rockmusiker, die zu Techno-Parties gehen und die Musik auch richtig gut finden. Die sagen sich, 'warum soll ich die Musik, die ich privat höre, nicht auch in meine Arbeit einfließen lassen'. An diesem Punkt sehe ich heute die Schnittstellen. Früher gab es Schweinerocker und euphorisierte Raver ohne Gemeinsamkeiten. Da konnte es keine Konversation geben. Aber schließlich leben auch Rockmusiker auf dem gleichen Planeten und haben teilweise die gleiche musikalische Vergangenheit wie ich."

Weg vom Blockwart-Denken

Claus Pieper & Christian Beckmann