01.11.1996

Scan 7

Scan 7

Und wieder schlagen wir ein neues Kapitel der unendlich anmutenden Geschichte Detroiter Techno-Produzenten auf, das aber eigentlich doch nicht so neu ist, wie es dem einen oder anderen vielleicht erscheinen mag. Denn am meisten überraschen den aufmerksamen Musikfreund doch immer wieder diese kleinen Links und Querverbindungen, die man auf den ersten Blick gar nicht vermutet hätte.

Daß Trackmaster Lou aka Scan 7 Mitte der Achtziger Jahre mit der Alternative-Pop-Band Was Not Was Charthits produzierte - wir erinnern uns vielleicht an "Walk The Dinosaur"? - hätte ich in diesem Zusammenhang jedenfalls nicht vermutet. Fällt bei seinem späteren Output auf Underground Resistance und vor allem in Anbetracht des aktuellen Albums auf Tresor auch irgendwie schwer zu glauben. Wo wir gerade bei Querverweisen sind: Der Was-Not-Was-Episode folgte 1988 ein Projekt namens Separate Minds mit zwei Menschen namens MK und Terrence Parker. Detroit zur Hohezeit der ersten Techno-Revolution halt. Nach einer EP auf dem Detroiter Label Express Records trennten sich die Wege der drei allerdings wieder. Mark Kinchen produzierte typischen Detroit Techno und sollte später mit den Nightcrawlers für kurze Zeit Weltruhm im House-Pop-Sektor erlangen, während Terrence Parker mit eigenem Label Intangible und als wirbelnder House-DJ im Jeff Mills-Style von sich Reden machte. Für Leslie Robinson aka Trackmaster Lou blieb das Musizieren jedoch weiterhin eine reine Nebenbeschäftigung. Für seinen Lebensunterhalt verdingt er sich auch heute noch als Koch.

Anfang der Neunziger beschäftigte sich Lou dann mit den eher deepen, moody Technohouse-Klängen, und irgendwann gründete er sein eigenes Labels "Direct Hit". Ein Vertrieb war schnell gefunden: Submerge ist und bleibt eben die Posse mit dem größten Einfluß in Motor City. Aber auch Mastermind 'Mad Mike' Banks zeigte schnell Interesse an Lous Sound. Die Folge war die erste Scan7-EP auf dem Underground Resistance Label (UR-027). Vier Tracks - damals noch zusammen mit The Elohim produziert - die in ihrer Machart genauso fünf Jahre früher hätten erscheinen können. Parallel startete der vom Unknown Writer - hinter dem sich natürlich niemand anderes als Mad Mike verbarg - propagierte Angriff auf die Corporate Music Computer Systems. Mittels der Musik u.a. von Scan 7 sollten virtuelle Viren in die Computersysteme der reaktionären Musikindustrie geschleust werden, um so den totalen Zusammenbruch der volksverdummenden Popmusik herbeizuführen, die vom Big Brother als Mittel zur Kontrolle der Menschheit benutzt wurde.

"All major record companies - your systems are infected - system failure 01.01.94 - You have been warned!"

Der Scan7-Großangriff auf die Industrie nahm seine Fortsetzung mit der "Undetectable EP" (UR-031). Eine von Lou im Alleingang produzierte 12" mit drei Tracks, von denen eigentlich nur der B2-Track "Voiceprint" wirklich Angriffslust demonstrierte. Die übrigen beiden Tracks waren wieder sehr deep und jazzy, mit fast schon fröhlich anmutenden Akkordfolgen. Was aber, gemäß dem Titel, augenscheinlich nur als Tarnung gedacht war, denn auf dem Innenlabel dokumentierte Mad Mike die Unterwandererungserfolge der Scan 7 Ninja Squad. Im "Brothers In Arms"-Verbund mit den Elektro-Spezialisten von Drexciya sollten die Scan 7 Ninjas ins feindliche Datennetz gebeamt werden:"Trackmaster Lou's mission is to infiltrate the central broadcast facility and knock out the mind control beam which telecasts the programmer's agenda daily to millions of uninformed humans worldwide." Yeap.

So geschehen, und die geheimen Agenten von UR treiben wohl weiterhin ihr Unwesen in den weltweiten Datennetzen, um unseren Planeten vor dem Untergang zu retten. Komischerweise wird der ideologische Überbau vom Interpreten selbst nicht ganz so ernst genommen. Lou: "Na, ja - ich stehe natürlich dazu, aber man entwickelt sich schließlich auch weiter. Das Ninja-Thema ist erstmal gestorben. Aber Scan 7 macht natürlich weiter!" Neben den UR-Releases war Lou immer auch auf anderen Labels aktiv, wie seine Veröffentlichungen auf 430 West, FFRR und Makin Madd Records belegen. Darüber hinaus fand der Output seiner diversen Projekte den Weg auf zahlreiche Compilations: Neben den Kopplungen des Submerge-Umfeldes oder z.B. jüngst auch auf die DJ-Mix-CDs von Jeff Mills und Takkyu Isshino auf Sony/S3, steuerte er Anfang des Jahres zu der von Blake Baxter zusammengestellten "313"-Compilation auf Tresor ebenfalls drei Tracks bei. Wiederum die sprichwörtliche Old School Techno-Atmosphäre, die auch den hier vertretenen Alter-Egos Black Man und XZILE eigen ist. "Meinen Sound zu kategorisieren ist gar nicht so leicht. Ich würde sagen, er liegt eigentlich genau auf der Schnittkante zwischen Techno und House. Die Tracks passen in einen House-Kontext genauso wie in ein Techno-Set. Selbst ein eher tranciges Publikum dürfte mit diesem Sound kaum Probleme haben. Der XZILE-Sound ist sehr moody und deep, teils mit sehr vielen Strings, genauso wie mein Projekt The Specialist, das ich mal hatte: Viele Strings, sehr trancy und moody. Dagegen ist The Shadow z.B. recht hart." Und genau in diese Richtung bewegt sich auch das neue Album "Dark Territory" auf Tresor. Den Kontakt zu dem Berliner Label für traditionellen Techno-Sound hat übrigens ein weiteres Mal Mr. Blake Baxter besorgt.

Wie es inzwischen schon symptomatisch für die Situation für Techno in den USA ist, sieht auch Lou den Markt für seine Sachen ganz klar in Europa: "Das europäische Publikum weiß unseren Sound einfach mehr zu würdigen als die Leute hier. Hier kommt die 'Town Crowd', wie wir sie nennen, auf unseren Sound nicht klar. Sie sind auf einem ganz anderen Trip. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ich weiß das europäische Publikum echt zu schätzen, denn sie interessieren sich wirklich für unsere Musik." This man cares for his audience, das macht er immer wieder klar: "Mein Publikum und die Leute, die meine Platten kaufen und hören, sind die, die mich am Leben halten. Ich möchte sie glücklich machen. Das sind die Menschen, die mich überhaupt bei der Arbeit halten." Da hat man auch schon von anderen Künstlerattitüden gehört...Trackmaster Lou weiß, woher er kommt. Angesprochen auf die Vorbilder und Menschen, die seine Musik beeinflußt haben, fallen ganz klar die Namen Juan Atkins und Rhythim Is Rhythim, genauso wie Mad Mike und Suburban Knight. Aber auch Credits an Carl Craig und Joey Beltram fehlen nicht in dieser Aufzählung. Als DJ - und damit fängt er übrigens gerade erst an - interessiert ihn natürlich genauso der Stuff aus Europa. Die Namen The Surgeon, Laurent Garnier und EyeQ fallen in diesem Zusammenhang; nicht unbedingt die naheliegendste Zusammenstellung.

The Mind Controller D-Weird™