01.05.2000
430 West
10 Years of Electronic Underground

Die Techno/House-Bewegung kommt in die Jahre. Das lässt sich weniger an ihren Gebrechen ablesen (obwohl der eine oder andere Jägermeister oder Koks konsumierende Labelchef/Künstler/DJ diese inzwischen aufweisen müsste), sondern vielmehr an den sich in Zukunft häufenden Jubiläen, Geburtstagen und sonstigen in Potenz auftretenden Glückseeligkeiten. Wer konnte schon 1989/90 ahnen, dass das ach so junge Kind Techno, aus der 80´er Ursuppe von Electro, Acid und House gezeugt, eine derartig lange Lebensspanne aufweisen und eine Vielzahl an Nachkommen (ja manchmal Mehrlingsgeburten) hervorbringen würde.
So neu und weltbewegend dieser Sound auch war (ist), könnten sich die Gründer eine Dekade später mit dem Dilemma konfrontiert sehen, gegen das sie in musikalischer Revolte vor einem Jahrzehnt aufbegehrten: Musikalisches Spießertum auf unzähligen Jubiläumspartys (in)zwischen angegrauter, abgetakelter Eminenzen mit verlebtem, frisch gestrichenem blondem Anhang im Schlepptau. Doch das muss ja nicht sein. Denn die Vorzeichen stehen gut, betrachtet man die ersten 10-jährigen, die jetzt ins Haus stehen. Sie versprechen vom rein musikalischen Input her jede Menge an Frische und Kreativität. Sei es ein Gilles Peterson, der mit Talking Loud und fantastischen "neuen" Compilations diesen Sommer feiern wird, oder wie in unserem Fall das Detroiter Überlabel 430 West/Direct Beat.
Ich treffe die beiden Burden-Brothers Lawrence und Lenny in Amsterdam. Kurz vor dem großen Ereignis sind sie nochmal nach Europa gehuscht, um einen Live-Gig als Random Noise Generation zu spielen mit anschließendem DJ-Set. Die beiden wirken entspannt und, wie es sich für Amis gehört, recht lässig. Nach zahlreichen Faxen und unendlichen Transatlantikgesprächen haben wir tatsächlich einen freien Platz im reichhaltig gespickten Terminkalender gefunden. Gegen 23.00 Uhr werde ich von Lawrence und Lenny in ihrem Hotelzimmer begrüßt. Wir gehen auch gleich medias in res, denn schließlich bieten sich nicht alle Tage die Gelegenheit, einem der erfolgreichsten Techno-Label Amerikas auf den Zahn zu fühlen.
Detroit gilt gemeinhin als Wegbereiter und geistig-ideeller Vorreiter in Sachen Techno. UR, KMS, Metroplex oder 430° heißen die geschichtsträchtigen Label, die an einem gemeinsamen Ziel arbeiteten: Der Errichtung einer neuen Art von Musik. Dieses Ideal schweißte die Detroiter in ihren Bemühungen zusammen. Dennoch herrschte eine gesunde Konkurrenz in der Motor City, wie Lawrence zu berichten weiß: "Schau Dir an, wer nach 10 Jahren noch da ist. Underground Resistance (Mike Banks), Carl Craig mit Planet E., Richie Hawtin, Kevin Saunderson, Aux 88, DJ Digital, Kenny Larkin, um nur einige zu nennen. Mit den meisten stehen wir in gutem und regelmäßigem Kontakt. Und dabei dreht sich alles keinesfalls nur um Musik. Mit Kevin habe ich mich letztens über Football ausgetauscht. Da wollen wir mal etwas gemeinsam auf die Beine stellen." Und dass Lawrence nach 10 Jahren des Musikmachen nicht schlappmacht, liegt u.a. an seinem Fable für schnelle Autos, denn er selbst fährt Drag-Car-Rennen (wie auch Mad Mike), während es Lenny eher gemächlich am Computer oder an der Musikkonsole gehen lässt. Das führt auch schon eher in die berufliche Ecke, denn gemeinsam mit Mad Mike und einigen anderen Leuten betreibt man Submerge, das Detroits Über-Distribution, das auch die Label 430 West und Direct Beat. Lenny ist hier für Network und Webdesign zuständig. Ansonsten sind die anderen vier Brüder (Lawrence, Lorne, Lynell und Lance) im Familienbetrieb mit musikalischen und administrativen Dingen beschäftigt.
Zwischendurch kommt die obligatorische Pizza ins Zimmer geschneit. Nach einer kurzen Verschnaufpause erläutern mir die beiden das Konzept von 430 West. "Das Urlabel war 430, auf dem der Burden-Clan seine eigene Musik veröffentlicht (als Octave One oder Random Noise Generation). Oder von Künstlern, die mit sich sehr mit unserer Arbeit deckten. Das waren zum Beispiel Wild Planet aus Schweden, Robert Hood, Terrence Parker, Eddie Folkes oder Jay Denham. Direct Beat war eher für die Bedürfnisse der Detroiter in Sachen Elektro angelegt." Techno, House, Elektro – bringt die aufstrebende Entwicklung von R’n’B und Hip Hop in Detroit Techno nicht in Bedrängnis? Lawrence grinst und antwortet: "Die Flamme von Techno ist zu groß, um (jemals?) zu verlöschen. Aber es stimmt schon. R’n’B ist hier seit Motown nicht mehr so richtig aus den Puschen gekommen, während HipHop momentan einen extremen Boom erlebt. Eminem, Kid Rock, Aliah und Hypnotic sind herausragende Beispiele. Und ich mag diese Musik, weil HipHop die Szene bereichert, auch die des Techno. Um umgekehrt. Auch R’n’B enthält mittlerweile Technoelemente. 2000 stellt sich als "Melting-Pot" heraus." Lenny führt an, dass man auch die Einflüsse von "schwarzer" Musik in den 430-Produktionen spüren kann. Er ist ja eher ein Freund alter Rock-Klassiker. Und, dann kommt der Knaller, der althergebrachte Detroit-Denkmodelle von Underground und Coolness völlig über Bord wirft: Auch von N' Sync. Ich frage nochmals nach. Doch die Antwort bleibt die gleiche. Kurze verblüffte Pause und weiter geht’s.
Trotz dieser Entwicklung bei den Urvätern von Techno, bleibt Detroit die Stadt des Techno/Elektro-Sounds, mit denen man sie immer in Verbindung bringt. Aber, anders als in anderen Städten, ist es die Mixtur der verschiedene Stile, die hier fasziniert. Egal ob Techno oder Houseladen, immer gibt es auch Anteile anderer Musik, so dass man nie auf der Stelle tritt und immer neuen Input bekommt. Der gleiche DJ, der mit Techno anfängt, kann genauso gut mit Soul aufhören. Das hält die Szene lebendig und gesund. Die Tradition und Bastion des Technosounds wird von Clubs wie dem Motor oder dem Science aufrechterhalten. "Momentan haben wir ein eindeutiges Hoch nach einer Flaute vor 1-2 Jahren. Die Szene brummt und man kann getrost von einem Rebirth sprechen."
Diese Entwicklung unterstützen 430 West mit ihrer Aufbauarbeit, die sie in junge Nachwuchkünstler stecken. Lenny erläutert: "Wir versuchen eine Plattform speziell für junge Leute zu schaffen. Mein jüngerer Bruder Lorne (Spitzname MoK-Fu) beispielsweise begann mit 12 Jahren sich mit unserer Musik zu beschäftigen. Auf einigen älteren Random Noise Generation ist er vertreten, jetzt mit 16 veröffentlich er unter Kaotic Special Rhythm, seine eigenen Sachen und produziert schon mit noch jüngeren Freunden. Neben der aktuellen 12" liegen vier weitere EP´s bereits auf der Lauer, um von uns veröffentlicht zu werden."
Doch drehen wir das Rad der Geschichte um elf Jahre zurück und versetzen uns ins Jahr 1989. Die erste Produktion der drei Burden-Brüder Lawrence, Lenny und Lynell auf Transmat verkauft sich wie warme Semmeln und Octave One sind mit "I Believe" in aller Munde. Schon nach kurzer Zeit kristallisierte sich heraus, dass das Trio mehr Entfaltungsmöglichkeiten brauchte, und da man mit der damaligen Situation auch nicht sonderlich glücklich war, gründete man kurzerhand das Label 430 West. Der Name entsprang der Adresse des damaligen familiären Wohnsitzes. "Wir wollten ein Label etablieren, bei dem sich Produzenten wohlfühlen und bei dem sie gerne Produktionen veröffentlichen wollen. Das war unser Hauptbeweggrund." Nachdem mit 430 das Outlet für Random Noise Generation und Octave One gefunden war, gesellten sich Produktionen mit Terrence Parker, Claude Young (im urspünglichen RNG-Lineup auch mit von der Partie), Eddie Folkes und Anthony Shakir, der als Schreiber für Octave One agierte, hinzu. Doch der originäre Kreis der Musiker von 430 West wurde immer von den Burdens gebildet. Bei so vielen Köpfen stellt sich die Frage, wie man über so lange Zeit miteinander und kreativ miteinander arbeiten kann. "Es hängt immer davon ab, welches Projekt gerade bearbeitet wird. Für ein Album arbeiten wir beispielsweise ein Konzept aus, eine Idee, die von allen getragen wird. Abängig von diesem übergeordneten Thema fängt jemand an zu produzieren, stellt seine Ergüsse vor, die die anderen verfeinern, verbessern, und in unterschiedlichen Segmenten den Tracks hinzufügen." Diese Arbeitsweise hat die Musik der Detroiter immer frisch gehalten. Anders als mancher Europäer, der Ende der 90er mit gleichen Sounds auf der Stelle trat. "Meine Großmutter sagte immer: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Es kommt immer drauf an, wie es verpackt wird. Manchmal erreicht man den Punkt, wo alles gesagt ist. Da hat man einfach keine neuen Ideen mehr. Mich eingeschlossen. Dann muss man sich hinsetzten und überdenken, wie man an die Dinge neu herangeht. Wenn man so vorgeht, hilft das, neue Energien freizusetzen. Auch wenn das in der Szene nicht gleich funktioniert. Aber vielleicht schnappt jemand ein paar Brocken davon auf und kreiert daraus das neue Ding."
Das neue Ding von Random Noise Generation heißt " Links In The Chain". Quasi eine Best Of In Da Mix mit zwei brandneuen Titeln. "Das war schon erstaunlich, als wir diese Scheibe zusammengestellt haben und über unsere Entwicklung philosophierten. Anfangs hatten wir deutlich mehr schwarze Einflüsse, die sich dann über die Jahre über Jazzy-Styles und Geräusche bis zum heutigen spacigen Tribalsound entwickelten. Als wir gemeinsam da saßen und diese Evolution unserer Musik feststellten, war das wie eine erhellende Erkenntnis für uns." Grundgedanke ihrer Musik war aber immer ein urbanes Funkelement. Octave One geht mehr zu den Wurzeln zurück. Es geht um "Mood", ein tieferes Gefühl. "Es gilt wieder, Emotionen in der Technomusik hervorzubringen. Dazu gehören auch Vocals, mit denen wir zur Zeit ein wenig herumexperimentieren. Für mich stellen sich Gefühle oft in Farben dar. Wir hören Musik auch in Farben. Was Musik betrifft, ist es wieder einmal Zeit für moody Blue." Mehr lässt sich Lawrence dazu aber nicht entlocken, schließlich will man die Welt ja noch überraschen.
Mit neuer Musik, denn die alte hat sich inzwischen etabliert und hunderttausendfach verkauft. Eine genaue Vorstellung haben die beiden nicht, wieviel Exemplare ihrer Produktionen im Laufe der Jahre über den Ladentisch gewandert sind. Als Anhaltspunkt mag 1996 herhalten, als man auf über 50 Compilations vertreten war. Neben ihrer Musik hat sich auch die Einstellung der beiden verändert. Lenny: "Wird sind im Laufe der letzten 10 Jahre gereift und ich hoffe, dass man das unserer Arbeit auch anhört. Zuerst startet man mit einer Drummaschine und ist entzückt über die vielen netten Sounds. Heutzutage fußt unsere Faszination an der Sache an dem Zusammenspiel von uns, also was man mit dem Maschinenpark alles anstellen kann. Und wenn man älter wird, überlegt man sich natürlich genauer, was man tut. Man wird selbstkritischer in Bezug auf das Ergebnis, das es zu veröffentlichen gilt. Es geht darum, zeitlose Dinge zu erschaffen, nicht so sehr, wie gut wir bei Verkaufszahlen abschneiden. Solange die Leute es mögen, soll es in 10,20 oder 30 Jahren noch genauso frisch klingen, wie am Tag der Entstehung."
So hören sich also die Worte von Männern knapp über dreißig an. Die sich immer noch nicht an die Karre pinkeln lassen, und wenn es um die Bewahrung der musikalischen Traditionen geht, stets kompromißlos handeln. Anders ist es wohl kaum zu verstehen, dass man in der, dieses Frühjahr alles überschattenden, Diskussion um die kommerzielle Ausschlachtung des Rolando-Hits "Jaguar" auf Underground Resistance den Schulterschluss in Form eines CD-Formates übte. "Es kam uns mehr als ungerecht vor, dass Majors das geistige Eigentum von Künstlern in einer äußerst unpassenden Version an die Masse weiterzugeben versuchten. Wir hier im Detroiter Untergrund waren gezwungen, uns zu wehren. Also bildeten wir mit dem UR-Lager eine Gemeinschaft, die dagegen vorging. Wenn Michael Jackson oder Whitney Houston auf einem Major rauskommen, erscheint ja auch nicht bei einem anderen Major eine neue Version davon. Deshalb kam das Original nochmals in Form der CD auf den Markt, um dieses mehr Leuten zugänglich zu machen. Wir kommen aus dem Untergrund. Was soll bei derartigen Praktiken noch übrig bleiben. Wir lassen uns von den Majors nicht ausbeuten." Starke und klare Worte, denen nichts mehr hinzuzufügen ist.
Diese Vorkommnisse werden das Gespür von 430 und den anderen Labels für ihre Musik weiter schärfen. Die Wolken, die sich am Horizont auftaten, werden angesichts der Ende Mai anstehenden Geburtstagsparty schnell vorüberziehen. In der Charles Johansen Gallery in Eastern Market steigt einer der wahrscheinlich größten Partys dieses Jahres. "Wir haben diese Location extra gewählt, um den künstlerischen Ansatz unserer Arbeit zu verdeutlichen. Der ideale Platz, um visuelle mit Audio-Kunst zu vermischen. Random Noise Generation werden live spielen, Lawrence legt auf und Octave One werden als Weltpremiere live spielen. Wir wollen versuchen, die Studioatmosphäre auf die Bühne zu transformieren. Man soll sehen können, wie wir Platten machen, wie wir zusammen fungieren." Der Rest der geladenen Künstler und DJs sind, wie könnte es anders sein, noch geheim. Die Mixtur wir aber sicher lokal und international sein und einige der oben genannten Hero´s beinhalten.
Im August/September werden die Jungs auch bei uns auf Tour kommen. Bleibt zum Schluss die alles entscheidende Frage, warum die fünf Burden Söhne mit dem selben Buchstaben anfangen. Und Lawrence beschließt unsere kleine Fragestunde mit den plausiblen Worten: " Ich weiß es nicht. Eine Laune der Natur. " Und setzt noch eins obendrauf:" Schließlich haben wir alle auch noch einen Zweitnamen, der mit E. beginnt." Das vereinfacht die Abrechnungen mit initialienliebenden Plattenfirmen nicht gerade. 430 West soll's egal sein. Bleibt eh in der Familie.
So neu und weltbewegend dieser Sound auch war (ist), könnten sich die Gründer eine Dekade später mit dem Dilemma konfrontiert sehen, gegen das sie in musikalischer Revolte vor einem Jahrzehnt aufbegehrten: Musikalisches Spießertum auf unzähligen Jubiläumspartys (in)zwischen angegrauter, abgetakelter Eminenzen mit verlebtem, frisch gestrichenem blondem Anhang im Schlepptau. Doch das muss ja nicht sein. Denn die Vorzeichen stehen gut, betrachtet man die ersten 10-jährigen, die jetzt ins Haus stehen. Sie versprechen vom rein musikalischen Input her jede Menge an Frische und Kreativität. Sei es ein Gilles Peterson, der mit Talking Loud und fantastischen "neuen" Compilations diesen Sommer feiern wird, oder wie in unserem Fall das Detroiter Überlabel 430 West/Direct Beat.
Ich treffe die beiden Burden-Brothers Lawrence und Lenny in Amsterdam. Kurz vor dem großen Ereignis sind sie nochmal nach Europa gehuscht, um einen Live-Gig als Random Noise Generation zu spielen mit anschließendem DJ-Set. Die beiden wirken entspannt und, wie es sich für Amis gehört, recht lässig. Nach zahlreichen Faxen und unendlichen Transatlantikgesprächen haben wir tatsächlich einen freien Platz im reichhaltig gespickten Terminkalender gefunden. Gegen 23.00 Uhr werde ich von Lawrence und Lenny in ihrem Hotelzimmer begrüßt. Wir gehen auch gleich medias in res, denn schließlich bieten sich nicht alle Tage die Gelegenheit, einem der erfolgreichsten Techno-Label Amerikas auf den Zahn zu fühlen.
Detroit gilt gemeinhin als Wegbereiter und geistig-ideeller Vorreiter in Sachen Techno. UR, KMS, Metroplex oder 430° heißen die geschichtsträchtigen Label, die an einem gemeinsamen Ziel arbeiteten: Der Errichtung einer neuen Art von Musik. Dieses Ideal schweißte die Detroiter in ihren Bemühungen zusammen. Dennoch herrschte eine gesunde Konkurrenz in der Motor City, wie Lawrence zu berichten weiß: "Schau Dir an, wer nach 10 Jahren noch da ist. Underground Resistance (Mike Banks), Carl Craig mit Planet E., Richie Hawtin, Kevin Saunderson, Aux 88, DJ Digital, Kenny Larkin, um nur einige zu nennen. Mit den meisten stehen wir in gutem und regelmäßigem Kontakt. Und dabei dreht sich alles keinesfalls nur um Musik. Mit Kevin habe ich mich letztens über Football ausgetauscht. Da wollen wir mal etwas gemeinsam auf die Beine stellen." Und dass Lawrence nach 10 Jahren des Musikmachen nicht schlappmacht, liegt u.a. an seinem Fable für schnelle Autos, denn er selbst fährt Drag-Car-Rennen (wie auch Mad Mike), während es Lenny eher gemächlich am Computer oder an der Musikkonsole gehen lässt. Das führt auch schon eher in die berufliche Ecke, denn gemeinsam mit Mad Mike und einigen anderen Leuten betreibt man Submerge, das Detroits Über-Distribution, das auch die Label 430 West und Direct Beat. Lenny ist hier für Network und Webdesign zuständig. Ansonsten sind die anderen vier Brüder (Lawrence, Lorne, Lynell und Lance) im Familienbetrieb mit musikalischen und administrativen Dingen beschäftigt.
Zwischendurch kommt die obligatorische Pizza ins Zimmer geschneit. Nach einer kurzen Verschnaufpause erläutern mir die beiden das Konzept von 430 West. "Das Urlabel war 430, auf dem der Burden-Clan seine eigene Musik veröffentlicht (als Octave One oder Random Noise Generation). Oder von Künstlern, die mit sich sehr mit unserer Arbeit deckten. Das waren zum Beispiel Wild Planet aus Schweden, Robert Hood, Terrence Parker, Eddie Folkes oder Jay Denham. Direct Beat war eher für die Bedürfnisse der Detroiter in Sachen Elektro angelegt." Techno, House, Elektro – bringt die aufstrebende Entwicklung von R’n’B und Hip Hop in Detroit Techno nicht in Bedrängnis? Lawrence grinst und antwortet: "Die Flamme von Techno ist zu groß, um (jemals?) zu verlöschen. Aber es stimmt schon. R’n’B ist hier seit Motown nicht mehr so richtig aus den Puschen gekommen, während HipHop momentan einen extremen Boom erlebt. Eminem, Kid Rock, Aliah und Hypnotic sind herausragende Beispiele. Und ich mag diese Musik, weil HipHop die Szene bereichert, auch die des Techno. Um umgekehrt. Auch R’n’B enthält mittlerweile Technoelemente. 2000 stellt sich als "Melting-Pot" heraus." Lenny führt an, dass man auch die Einflüsse von "schwarzer" Musik in den 430-Produktionen spüren kann. Er ist ja eher ein Freund alter Rock-Klassiker. Und, dann kommt der Knaller, der althergebrachte Detroit-Denkmodelle von Underground und Coolness völlig über Bord wirft: Auch von N' Sync. Ich frage nochmals nach. Doch die Antwort bleibt die gleiche. Kurze verblüffte Pause und weiter geht’s.
Trotz dieser Entwicklung bei den Urvätern von Techno, bleibt Detroit die Stadt des Techno/Elektro-Sounds, mit denen man sie immer in Verbindung bringt. Aber, anders als in anderen Städten, ist es die Mixtur der verschiedene Stile, die hier fasziniert. Egal ob Techno oder Houseladen, immer gibt es auch Anteile anderer Musik, so dass man nie auf der Stelle tritt und immer neuen Input bekommt. Der gleiche DJ, der mit Techno anfängt, kann genauso gut mit Soul aufhören. Das hält die Szene lebendig und gesund. Die Tradition und Bastion des Technosounds wird von Clubs wie dem Motor oder dem Science aufrechterhalten. "Momentan haben wir ein eindeutiges Hoch nach einer Flaute vor 1-2 Jahren. Die Szene brummt und man kann getrost von einem Rebirth sprechen."
Diese Entwicklung unterstützen 430 West mit ihrer Aufbauarbeit, die sie in junge Nachwuchkünstler stecken. Lenny erläutert: "Wir versuchen eine Plattform speziell für junge Leute zu schaffen. Mein jüngerer Bruder Lorne (Spitzname MoK-Fu) beispielsweise begann mit 12 Jahren sich mit unserer Musik zu beschäftigen. Auf einigen älteren Random Noise Generation ist er vertreten, jetzt mit 16 veröffentlich er unter Kaotic Special Rhythm, seine eigenen Sachen und produziert schon mit noch jüngeren Freunden. Neben der aktuellen 12" liegen vier weitere EP´s bereits auf der Lauer, um von uns veröffentlicht zu werden."
Doch drehen wir das Rad der Geschichte um elf Jahre zurück und versetzen uns ins Jahr 1989. Die erste Produktion der drei Burden-Brüder Lawrence, Lenny und Lynell auf Transmat verkauft sich wie warme Semmeln und Octave One sind mit "I Believe" in aller Munde. Schon nach kurzer Zeit kristallisierte sich heraus, dass das Trio mehr Entfaltungsmöglichkeiten brauchte, und da man mit der damaligen Situation auch nicht sonderlich glücklich war, gründete man kurzerhand das Label 430 West. Der Name entsprang der Adresse des damaligen familiären Wohnsitzes. "Wir wollten ein Label etablieren, bei dem sich Produzenten wohlfühlen und bei dem sie gerne Produktionen veröffentlichen wollen. Das war unser Hauptbeweggrund." Nachdem mit 430 das Outlet für Random Noise Generation und Octave One gefunden war, gesellten sich Produktionen mit Terrence Parker, Claude Young (im urspünglichen RNG-Lineup auch mit von der Partie), Eddie Folkes und Anthony Shakir, der als Schreiber für Octave One agierte, hinzu. Doch der originäre Kreis der Musiker von 430 West wurde immer von den Burdens gebildet. Bei so vielen Köpfen stellt sich die Frage, wie man über so lange Zeit miteinander und kreativ miteinander arbeiten kann. "Es hängt immer davon ab, welches Projekt gerade bearbeitet wird. Für ein Album arbeiten wir beispielsweise ein Konzept aus, eine Idee, die von allen getragen wird. Abängig von diesem übergeordneten Thema fängt jemand an zu produzieren, stellt seine Ergüsse vor, die die anderen verfeinern, verbessern, und in unterschiedlichen Segmenten den Tracks hinzufügen." Diese Arbeitsweise hat die Musik der Detroiter immer frisch gehalten. Anders als mancher Europäer, der Ende der 90er mit gleichen Sounds auf der Stelle trat. "Meine Großmutter sagte immer: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Es kommt immer drauf an, wie es verpackt wird. Manchmal erreicht man den Punkt, wo alles gesagt ist. Da hat man einfach keine neuen Ideen mehr. Mich eingeschlossen. Dann muss man sich hinsetzten und überdenken, wie man an die Dinge neu herangeht. Wenn man so vorgeht, hilft das, neue Energien freizusetzen. Auch wenn das in der Szene nicht gleich funktioniert. Aber vielleicht schnappt jemand ein paar Brocken davon auf und kreiert daraus das neue Ding."
Das neue Ding von Random Noise Generation heißt " Links In The Chain". Quasi eine Best Of In Da Mix mit zwei brandneuen Titeln. "Das war schon erstaunlich, als wir diese Scheibe zusammengestellt haben und über unsere Entwicklung philosophierten. Anfangs hatten wir deutlich mehr schwarze Einflüsse, die sich dann über die Jahre über Jazzy-Styles und Geräusche bis zum heutigen spacigen Tribalsound entwickelten. Als wir gemeinsam da saßen und diese Evolution unserer Musik feststellten, war das wie eine erhellende Erkenntnis für uns." Grundgedanke ihrer Musik war aber immer ein urbanes Funkelement. Octave One geht mehr zu den Wurzeln zurück. Es geht um "Mood", ein tieferes Gefühl. "Es gilt wieder, Emotionen in der Technomusik hervorzubringen. Dazu gehören auch Vocals, mit denen wir zur Zeit ein wenig herumexperimentieren. Für mich stellen sich Gefühle oft in Farben dar. Wir hören Musik auch in Farben. Was Musik betrifft, ist es wieder einmal Zeit für moody Blue." Mehr lässt sich Lawrence dazu aber nicht entlocken, schließlich will man die Welt ja noch überraschen.
Mit neuer Musik, denn die alte hat sich inzwischen etabliert und hunderttausendfach verkauft. Eine genaue Vorstellung haben die beiden nicht, wieviel Exemplare ihrer Produktionen im Laufe der Jahre über den Ladentisch gewandert sind. Als Anhaltspunkt mag 1996 herhalten, als man auf über 50 Compilations vertreten war. Neben ihrer Musik hat sich auch die Einstellung der beiden verändert. Lenny: "Wird sind im Laufe der letzten 10 Jahre gereift und ich hoffe, dass man das unserer Arbeit auch anhört. Zuerst startet man mit einer Drummaschine und ist entzückt über die vielen netten Sounds. Heutzutage fußt unsere Faszination an der Sache an dem Zusammenspiel von uns, also was man mit dem Maschinenpark alles anstellen kann. Und wenn man älter wird, überlegt man sich natürlich genauer, was man tut. Man wird selbstkritischer in Bezug auf das Ergebnis, das es zu veröffentlichen gilt. Es geht darum, zeitlose Dinge zu erschaffen, nicht so sehr, wie gut wir bei Verkaufszahlen abschneiden. Solange die Leute es mögen, soll es in 10,20 oder 30 Jahren noch genauso frisch klingen, wie am Tag der Entstehung."
So hören sich also die Worte von Männern knapp über dreißig an. Die sich immer noch nicht an die Karre pinkeln lassen, und wenn es um die Bewahrung der musikalischen Traditionen geht, stets kompromißlos handeln. Anders ist es wohl kaum zu verstehen, dass man in der, dieses Frühjahr alles überschattenden, Diskussion um die kommerzielle Ausschlachtung des Rolando-Hits "Jaguar" auf Underground Resistance den Schulterschluss in Form eines CD-Formates übte. "Es kam uns mehr als ungerecht vor, dass Majors das geistige Eigentum von Künstlern in einer äußerst unpassenden Version an die Masse weiterzugeben versuchten. Wir hier im Detroiter Untergrund waren gezwungen, uns zu wehren. Also bildeten wir mit dem UR-Lager eine Gemeinschaft, die dagegen vorging. Wenn Michael Jackson oder Whitney Houston auf einem Major rauskommen, erscheint ja auch nicht bei einem anderen Major eine neue Version davon. Deshalb kam das Original nochmals in Form der CD auf den Markt, um dieses mehr Leuten zugänglich zu machen. Wir kommen aus dem Untergrund. Was soll bei derartigen Praktiken noch übrig bleiben. Wir lassen uns von den Majors nicht ausbeuten." Starke und klare Worte, denen nichts mehr hinzuzufügen ist.
Diese Vorkommnisse werden das Gespür von 430 und den anderen Labels für ihre Musik weiter schärfen. Die Wolken, die sich am Horizont auftaten, werden angesichts der Ende Mai anstehenden Geburtstagsparty schnell vorüberziehen. In der Charles Johansen Gallery in Eastern Market steigt einer der wahrscheinlich größten Partys dieses Jahres. "Wir haben diese Location extra gewählt, um den künstlerischen Ansatz unserer Arbeit zu verdeutlichen. Der ideale Platz, um visuelle mit Audio-Kunst zu vermischen. Random Noise Generation werden live spielen, Lawrence legt auf und Octave One werden als Weltpremiere live spielen. Wir wollen versuchen, die Studioatmosphäre auf die Bühne zu transformieren. Man soll sehen können, wie wir Platten machen, wie wir zusammen fungieren." Der Rest der geladenen Künstler und DJs sind, wie könnte es anders sein, noch geheim. Die Mixtur wir aber sicher lokal und international sein und einige der oben genannten Hero´s beinhalten.
Im August/September werden die Jungs auch bei uns auf Tour kommen. Bleibt zum Schluss die alles entscheidende Frage, warum die fünf Burden Söhne mit dem selben Buchstaben anfangen. Und Lawrence beschließt unsere kleine Fragestunde mit den plausiblen Worten: " Ich weiß es nicht. Eine Laune der Natur. " Und setzt noch eins obendrauf:" Schließlich haben wir alle auch noch einen Zweitnamen, der mit E. beginnt." Das vereinfacht die Abrechnungen mit initialienliebenden Plattenfirmen nicht gerade. 430 West soll's egal sein. Bleibt eh in der Familie.
Carsten Becker




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